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DIE WELT
05/31/06
Flüchtige Stadt
In Los Angeles geht das Jahrhundert der Weißen zu Ende.
Die Dynamik ist ungebrochen
von Uwe Schmitt
Wer Phillip Rodriguez in Rage bringen will, braucht bloß
eine rühmende Bemerkung über "Crash" fallen
zu lassen. Der Dokumentarfilmer ("Los Angeles Now")
glaubt nämlich, Hollywood versündige sich mit dem
Episodenfilm, der den Oscar für den besten Film ergatterte,
wieder mal an der Wirklichkeit der Stadt, in der die Industrie
seit hundert Jahren lebt und die ihr so nah ist wie der Mond.
"Ein Haufen Müll" sei "Crash", rassistisch
trunken von "toten Film-Noir-Metaphern", sagt Rodriguez,
ein L.A.-Fetisch, der nicht nur in Europa, sondern auch an
der Ostküste verehrt würde.
Nichts habe er so satt wie diese ausgereizten Karikaturen,
erklärt er über einem Capuccino im Cafe der Kathedrale
von Los Angeles, wie Säureregentristesse von "Blade
Runner" und all die anderen Stadtautobahn-Apokalypsen,
die angeblich im Dickicht seiner Stadt spielen. Der Essayist
versteht sich als Kultur-Broker und -Übersetzer. Phillip
Rodriguez (47) hat neben seinen Dokumentarfilmen - darunter
"Mixed feelings: San Diego/Tijuana"; 2002) - zwei
Latino-Kulturmagazine gegründet, einen Song für
Los Lobos geschrieben, spanische Literatur in Madrid studiert
und Latin American Studies in Berkeley.
Der Enkel semiliterater mexikanischer Einwanderer, die ihre
Töchter (und jene ihre Kinder) studieren ließen,
wuchs in einer überwiegend weißen Mittelstandsgegend
von Los Angeles auf. Er weiß nicht nur, wovon er redet,
wenn er als "Angelino" von seiner Stadt mit Herz,
aber ohne Zentrum, oder von der nationalen Immigrantenbewegung
mit ihren Millionendemonstrationen spricht. Er weiß
auch, wie man es in Worte von poetisch-provokanter Kraft faßt.
Und wie er Schriftsteller zum Reden über sein Thema bringt.
Wie wurde aus der einst weißesten Stadt Amerikas die
braunste? 1965 dominierten die Anglos noch mit 70 Prozent,
heute sind sie auf ein Drittel geschrumpft. Sie leben friedlich,
mindestens seit den Unruhen von 1992, mit Koreanern und Chinesen.
Die Angelinos sind wie die Latinos, mit und ohne Papiere,
welche ein demographisches Erdbeben inszenieren und sich der
(wie man im Börsenjargon sagen würde) psychologisch
wichtigen 50-Prozent-Marke nähern.
"Ist Los Angeles von seiner Natur aus flüchtig?
Kann L.A. eine Idee von Geschichte entwickeln trotz der Erdbeben
und dem unstillbaren Hunger neu zu bauen? Und warum steckt
sich die Stadt etwa alle Generation einmal in Brand?"
Solche Fragen stellte Phillip Rodriguez vor zwei Jahren in
"Los Angeles Now", dem knapp einstündigen Film-Essay
über seine Stadt. Es ist eine Hommage an die paradiesische
Gartenstadt, die ihre hispanischen Gründer und die Pioniere
aus dem Osten erträumten. Eine Oase in der Wüste,
die ein fabelhaftes Klima und chronisch zu wenig Wasser hat.
Die aus Kleinstädten wie Gelndale, Burbank, Hollywood
zusammenwuchs, Schicht um Schicht, ohne sich je um die konzentrische
Logik von Paris oder Wien zu scheren. Ohne den Widerspruch
zwischen der Filmwelt, die von Ostküsten-Juden geschaffen
und von jeder Menge blauäugigen blonden Stars bevölkert
wurde, und seiner Latino-Herkunft je aufzulösen.
"Das Jahrhundert der Anglos ist zu Ende", prophezeit
der (nicht mit Phillip verwandte) Schriftsteller Richard Rodriguez
in San Francisco, und die schwarz-weiße, oft tragische
Dialektik ist es auch. Wer auf Los Angeles schaut, schaut
in das braune Antlitz und die leicht geschlitzten Augen Amerikas
in 20 Jahren. Rodriguez, der Präsident Richard Nixon
den dubiosen Ehrentitel "dunkler Vater der Hispanizität"
verlieh, weil jener die Kategorie bei den alle zehn Jahre
fälligen Volkszählungen einführte, feiert Multiethnizität
als Bestimmung und Selbstreinigung der Nation. Alles mischte
sich, Weiße mit Indianern, Schwarze mit Weißen,
mexikanische Mestizen mit Mulatten aus Puerto Rico. Amerika
war nie rein. "Der Ku Klux Klan war aufgebracht von der
Idee des Braunen: Braun, die Farbe von Familiengeheimnissen,
verbotener Leidenschaft ... mein ganzes Leben habe ich dem
schwarz-weißen Gespräch zugehört, wie man
einem streitenden Paar durch eine Motelwand zuhört."
Vorbei die Zeit, wo die beiden Streitenden unter sich waren.
Noch sei nicht gewiß, räumt auch Phillip Rodriguez
ein, daß die massive Zuwanderung und die Krise der schwachen
Sozialsysteme in Los Angeles nicht "in einem Desaster
endet". Die Schulen der Stadt, die seit Mai 2005 von
Antonio Villaraigosa regiert wird, dem ersten Latino im Rathaus
seit 1872, sind in einem elenden Zustand. Überhaupt wolle
er nicht, daß Los Angeles wie Mexico City wird. "Das
Erbe der Anglos hat sein Recht."
Auch Angst und Xenophobie von Anglos versucht er zu verstehen:
"Wäre ich ein weißer Schulabbrecher ohne Qualifikation
und Talent, hätte ich auch Angst, daß ich auf dem
Jobmarkt nicht mit Latinos konkurrieren kann, die härter
und besser für weniger arbeiten." Rodriguez ist
Realist genug, daß seine Filme und etliche Universitätsprojekte
auf Spenden angewiesen sind. "Aber Philanthropie hat
unter Latinos keine Tradition, sie geben nur in der Kirche.
Man muß die Juden der Stadt überzeugen, Geld zu
geben. Sie haben die Tradition der Großzügigkeit."
Phillip Rodriguez übertreibt seine These der totalen
Entfremdung der amerikanischen Küsten bisweilen. Ist
die "New York Times" in Los Angeles wirklich so
ahnungslos, alt, ausgelaugt, wie er sagt? Eine Gefangene der
"Noir-Klischees" und ihres Wasp-Weltbilds, in dem
das künftige braune Gesicht Amerikas in der "multikulturellsten
Stadt der Menschheitsgeschichte" heute und bald im ganzen
Land geleugnet wird? In "Los Angeles Now", ein Film,
der ohne Erzähler auskommt und die Narration wie ein
Gespräch am Runden Tisch aus Interviews bestreitet, erzählt
der Kardinal von Los Angeles, Roger Maloney, ein Beispiel
für die Atemlosigkeit seiner Stadt. Zur Einweihung des
Staples Center habe eine Zeitung den Tag in 30 Jahren oder
so beschworen, an dem es abgerissen wird. Nichts sei von Dauer.
Im Andenkenladen von Maloneys Kathedrale gibt es vorzüglichen,
von ihm selbst empfohlenen Wein, einen Andenkenschrein für
Johannes Paul II. und Leonardos "Last Supper" in
preiswerten Ausführungen. "Wenn Du statisch leben
willst, gehe in den Mittelwesten", sagt in dem Film der
Hochschullehrer Fernando Guerra so cool, als sage er das Wetter
voraus, "aber wenn Du Dynamik willst, mußt Du nach
Los Angeles kommen."
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